28.01.2009Das Kind und die Welt der Dinge ... wie Kinder lernen
Am Anfang steht das Begreifen durch Handeln. Zunächst mit dem Mund, später auch mit den Händen, nimmt das Kind alles auf, was in seiner Umgebung erreichbar ist. Indem es den Gegenstand aktiv zu sich zieht, ihn ergreift, schmeckt, betastet, macht es ihn sich zunehmend zu eigen, begreift ihn im wörtlichen Sinn, das heißt, es gewinnt eine überdauernde Vorstellung von ihm. Je intensiver dieses Lernen mit allen Sinnen ermutigt und ermöglicht wird, umso gefestigter sind die ‚Erkenntnisse’, die das Kind daraus bezieht und auf der nachfolgenden Abstraktionsstufe sicher anwenden kann. Die sich an diese aktionale Phase anschließende zweite Entwicklungsebene wird als die Phase des bildhaften Begreifens beschrieben. Jetzt genügt der bloße Anblick vertrauter Dinge, um die »gesammelten« Eindrücke auszulösen. Wenn ein Kind beispielsweise weiß, wie sein Schmusetier oder ein beliebtes Spielzeug, eine bestimmte Blume oder Frucht sich anfühlt, riecht und schmeckt, dann reicht ihr Bild, um die »gewusste« Erfahrungssituation hervorzurufen. Ikonisches Denken ermöglicht dem Kind somit die Erkenntnis, dass Dinge, die sich nicht in seinem direkten Blickfeld befinden, dennoch da sind. Sie müssen nur gesucht werden. Im Zusammenspiel von aktionaler und ikonischer Weltauffassung lernt das Kind jetzt auch, dass Gegenstände gleich bleiben, selbst wenn sich ihr Aussehen je nach Entfernung oder Blickwinkel verändert. In der Phase des bildhaften Denkens entwickeln sich auch die sprachlichen Fähigkeiten des Kindes weiter. Kinder lernen Namen und Wörter, mit denen sie die Dinge bezeichnen können. Über Ähnlichkeitsfeststellungen auf der Basis vorhandener Vorstellungsbilder entwickeln sich relativ überdauernde und verallgemeinerbare Merkmale von den Gegenständen. Das Kind lernt auf diese Weise sich »einen Begriff von den Dingen zu machen«, bzw. es erwirbt eine Bedeutungsvorstellung des Gegenstandes, die im Entwicklungsverlauf zunehmend differenziert und durch neue Erfahrungen ergänzt und ausgeweitet werden kann. Schrittweise findet das Kind jetzt zu Kategorien, die ihm helfen, die Fülle der sprachlichen Informationen zu ordnen, das heißt, sie in bestimmte Sinnzusammenhänge zu stellen. Nach Auffassung des Sprachforschers Hans Hörmann ist »Sprechen die Fortsetzung des Handelns mit anderen Mitteln«. Allerdings ist das Kind auch im Schulkindalter für das Verstehen seltener oder ungewohnter Begriffe, komplexer oder abstrakter Vorgänge noch lange auf das direkte Erleben oder die visuelle Anschauung angewiesen. Das Programm Lernraupe nimmt diese Erkenntnisse auf und setzt sie für das Vorschulkind in aufeinander aufbauende Lernschritte um. (Marlies Koenen) _________ [1](Bruner, J. S./Greenfield, P. u. a.: Studien zur kognitiven Entwicklung. Klett Cotta, Stuttgart 1988, S. 21ff.) zurück